Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre Arbeitskraft verausgaben. Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell. Alle Produkte Robinsons <93> waren sein ausschließlich persönliches Produkt und daher unmittelbar Gebrauchsgegenstände für ihn. Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzent_innen.

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Eine Zusammenfassung des ersten Kapitels, besonders der Wert- und Warenformanalyse. Lohnt sich sowohl isoliert, als hilfe zum verständnis zum nach lerneno der als nachträgliche Erinnerungsstütze.

Hand-out zu KarlMarx “Das Kapital“Band1:
       Was ist „Wert“? Was ist die „Wert- und Warenform“?
 
Substanz des Werts:
(„Substanz“ bezeichnet das „Darunterliegende“ als Basis eines Prozesses bzw. eines Phänomens, und zwar als „das Beharrende im Wandel“ der sich ständig rasch verändernden  Erscheinungsformen einer Sache („Akzidenzien&ldquo . Hegel bezeichnet die Substanz deshalb als „die absolute Formtätigkeit“.)
 
Substanz des Werts ist die Arbeit, und zwar abstrakte Arbeit (MEW 23:S.53Mitte):
„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit [zur Produktion von bedürfnisbefriedigenden Produkten, auch „Dienstleistungen“, schlechthin] ist die Arbeit eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben, zu vermitteln.“ (MEW 23:S.57) Keine, auch keine communistische,  Gesellschaft kann „die Arbeit abschaffen“. Nur die historische Form der Arbeit als Zwangsarbeit, Lohnarbeit kann & muss abgeschafft werden (MEW 25:827). Als „das Reich der Notwendigkeit“ (MEW 25: 828) kann die Arbeit nur stetig vermindert werden (Aufhebung der Arbeit als Tendenz). Die Formen dieser historischen Substanz der menschlichen Gattungsgeschichte können verändert, revolutioniert und emanzipiert werden.
 
Marx' größte Entdeckung (MEW 23:S.56: „der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“!):
Alle (! also nicht erst kapitalistisch-formbestimmte) Arbeit hat Doppelcharakter (MEW 23:S.61).
Der Aspekt (das Moment) der konkreten Arbeit, die einen bestimmten Gebrauchswert produziert,
und der Aspekt (das Moment) der abstrakten Arbeit, die schlechthin menschliche, physiologische (!) Verausgabung von Nerv, Muskel, Hirn, Sinnesorgan usw. ist und in einer bestimmten Zeiteinheit Tauschwert(e) produziert, diese beiden Faktoren / Momente / Aspekte werden in der Wert- und Warenform vergegenständlicht dargestellt.
 
(Auf folgende Unterscheidung macht vor allem Lukács aufmerksam, damit die „Verdinglichung“ der modernen Gesellschaft und „der Fetischismus der Warenproduktion“ begriffen werden kann
Gebrauchswert ist bereits (da schon immer menschlich-gesellschaftlich produziert) eine gesellschaftliche Gegenständlichkeit – aber noch stofflich-konkret (auch als „Dienstleistung&ldquo.
Tauschwert ist darüber hinaus rein gesellschaftliche Gegenständlichkeit – nur noch abstrakt-gesellschaftlich, auch als Produkt physiologischer Vergegenständlichung menschlicher Arbeit schlechthin! (Dieser rein gesellschaftlichen Gegenständlichkeit wohnt bereits ein „phantasmagorischer“ Charakter inne, gerade weil sie zugleich immer an einen stofflich-materiellen Gebrauchswertkörper als Träger gebunden bleibt:  der „Fetischcharakter“ einer „gespenstischen Gegenständlichkeit“, indem sie als ein „sinnlich-übersinnliches Ding“ erscheint [Marx].) Marx arbeitet schon bei der Analyse der Äquivalentform den fetischistischen Charakter heraus, dass das Ding auf der rechten Seite der Wertformgleichung, dieser „Wertspiegel“-Gebrauchswertkörper im Wertausdruck  „eine übernatürliche Eigenschaft beider Dinge vertritt: ihren Wert, etwas rein Gesellschaftliches.“ (MEW 23:S.71unten)
 
In der Warenproduktion gilt:
Der Doppelcharakter der Arbeit erscheint / stellt sich dar / wird vergegenständlicht als  Doppelcharakter der Ware:
Die Ware ist Doppelding: aus dem Moment / Faktor „Gebrauchswert“ und dem Moment / Faktor „Wert“ (erscheinend / daseiend als „Tauschwert(e)“)
 
Wesen des Werts:
(„Wesen“ bezeichnet „das innere Band“, den strukturellen Zusammenhang des Inhalts von Erscheinungsformen, also den innewohnenden, widerspruchsvollen Gehalt eines Phänomens. Siehe Hegel's „Wissenschaft der Logik“Band2: Wesenslogik.)
 
Wert ist  wesensmäßig das Produktionsverhältnis zwischen bereits hochgesellschaftlich aber zugleich noch privat (=blind-“naturwüchsig“ planlos als nebeneinander her produzierende konkurrierende Eigentümer_innen der Produktionsmittel)  produzierenden Menschen / Personen (MEW 23:S.88).
Dieses Verhältnis ist eine bestimmte historische Form der in jeder Gesellschaft materiell notwendigen gesellschaftlichen ökonomischen Regelung/Verteilung der notwendigen Arbeiten (Arbeitsarten und Arbeitszeitquanta) auf die arbeitsfähigen Individuen. Der ökonomische Wert ist also nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist nicht „natürlich“, aber er wirkt „naturhaft“ (Pseudonatur)!
 
Erscheinungsform des Werts:
Das Wesen muss erscheinen.“ „Das Wesen ist [immer nur  daseiend] in der Erscheinung“, als stofflich-materielle Erscheinungsform (Hegel, Wesenslogik). So muss auch der Wert eine Erscheinungsform haben, das ist der Tauschwert, der im / am / mit dem gegenständlichen Gebrauchswertkörper der  Ware(n) vergegenständlicht, verkörpert ist. „Tauschwert ohne wenigstens deren 2 existiert nicht.“ (MEW 19:358)
 
Wert funktioniert, realisiert sich ökonomisch letztlich nur als Austauschakt zwischen mindestens 2 Tauschwerten, die in konkreten Warenkörpern mit ihren Gebrauchswerten verkörpert sind.
„Das Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis der Waren darstellt, ist also ihr Wert. Der Fortgang der Untersuchung wird uns also zurückführen zum Tauschwert als der notwendigen Ausdrucksweise oder Erscheinungsform des Werts, welcher [in der Darstellung in K1 analytisch] zunächst jedoch unabhängig von dieser Form [d.h. als Tauschwert]  zu betrachten ist.“ (MEW 23:S.53)
[Deshalb behandelt Marx im ersten Kapitel den „Wert“ zuerst auf den ersten 25 Seiten des K1 unter der Bezeichnung „Tauschwert“:
„Wenn es im Eingang dieses Kapitels in der gang&gäben Manier hiess: Die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, so war dies, genau gesprochen, falsch.  Die Ware ist Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand und  'Wert'. Sie stellt sich dar als dies Doppelte, was sie ist, sobald ihr Wert eine eigne, von ihrer Naturalform verschiedne Erscheinungsform besitzt, die des Tauschwerts; und sie besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur  [in der gesellschaftlichen Form des praktischen Handelns der Menschen, im Akt des einander-ins-Verhältnis-Setzens ihrer Produkte und damit] im Wert- oder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware. Weiss man das jedoch einmal, so tut jene Sprechweise ['Tauschwert' zu sagen und 'Wert' zu meinen] keinen Harm, sondern dient zur Abkürzung [vom Abstrakten, dem Wertbegriff, zum Konkreten, dem Tauschwertbegriff, und zum Begreifen des abstrakten Konkretum 'Ware'].“   (MEW 23:S.75)]
 
Zusammenfassung:
 
Der Wert ist also historisch selber nur eine bestimmte Form der Produktion, herrschend als bürgerliche Produktionsweise, nämlich Warenproduktion, die beruht auf dem (noch) Privateigentum an den Produktionsmitteln und (schon) der unmittelbaren Gesellschaftlichkeit  von Produktivkräften, Produktion und Verteilung (hochgradig arbeitsteilige Produktion für andere und für den Austausch mit anderen Produzent_innen).
 
Das Funktionieren des Wertes („Wertgesetz“: MEW 23:S.89Mitte: „gesellschaftlich [durchschnittlich] notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz“ der Warenproduktion) ist aber nur möglich, wenn es wiederum eine ökonomische Form bzw. konkret-praktische Formen hat, die letzten Endes in der perfekten Gegenständlichkeitsform des „Geldes“ realisiert werden. Damit ist die Wertform-Analyse erst noch zu leisten. Sie muss das Geldrätsel lösen („Es gibt Geld als allbeherrschendes Medium der Warenproduktion: wie ist es möglich?&ldquo    MEW 23:S.55Fußnote!
Nach der Analyse von Substanz, Wesen, Erscheinungsform und Größe des Wertes leistet Marx deshalb in der Folge   
                                    1. die Wertform-Analyse
2.      die Fetischismus-Analyse
3.      die Austauschprozess-Analyse
um zu zeigen, „wie, warum, wodurch Ware Geld ist“ (MEW 23:107).
„Die Wertform-Analyse klärt auf, wie der Wert der Ware im Gebrauchswert einer anderen Ware, am Ende in Geld, ausgedrückt wird.
Die Fetischismus-Analyse klärt auf, warum die Arbeit im Warenwert, und damit zugleich, warum der Warenwert im Gebrauchswert einer anderen Ware, im Ende in Geld ausgedrückt werden muss.
Die Austauschprozess-Analyse klärt auf, durch welche Umstände die Geldbildung notwendig wird und durch welche Praxis es gebildet wird.“ (Teinosuke Otani 1989: „Das Problem der Geldbildung und seine Lösung im 'Kapital'&ldquo
Erst dann ist das Geldrätsel gelöst und begriffen:  „Die Schwierigkeit liegt nicht darin zu begreifen, dass Geld Ware, sondern wie, warum, wodurch Ware Geld ist.“ (MEW 23:107)
Erst auf dieser Basis ist dann auch begreifbar, dass unter bestimmten historischen Bedingungen sich-selbst-verwertender-Wert entstehen kann, d.h. wie, warum, wodurch aus einer Summe Geld „Kapital“ werden kann, was der Begriff vom Kapital und von kapitalistischer Warenproduktion, kapitalistischer Produktionsweise ist.
 
Jedenfalls ist das Kapital – wie der Wert – kein Ding, sondern ein bestimmtes historisches Produktionsverhältnis (MEW 25:822f). Es erscheint nur der oberflächlichen Anschauung und Vorstellung als Anhäufung von Dingen (verkehrter, aber realer Schein!): als Geld-Ertrag aus den sogenannten „Produktionsfaktoren“ 1.(zinstragendes) Kapital, 2.(Lohn-)Arbeit, 3.Grund&Boden(-Rente).   („Trinitarische Form“ [MEW 25:838)
 
Die Auflösung dieser „Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx) beginnt also in der Wertform-Analyse.
Entscheidend ist hier das Begreifen der Rolle der Äquivalentform im Wertausdruck (d.h. in der Wertformgleichung: auf der linken Seite die RelativeWertform – auf der rechten Seite die Äquivalentform, auch „der Wertspiegel“ genannt):
 
Die 3 Eigentümlichkeiten der Äquivalentform:
1.)   „Die erste Eigentümlichkeit ... ist diese: Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts.“ (MEW 23:S.70unten) (Doppelcharakter der Ware!)
2.)   Die „zweite Eigentümlichkeit der Äquivalentform, dass konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit wird.“ (Doppelcharakter der Arbeit!)
3.)   Und die „dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform, dass Privatarbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form.“ (MEW 23:S.73)
 
 
 
 

 

20.12.06 00:12


hi!
hi!
Dies ist die erste mail an die kapital-lesekreisteilnehmer_innen.
 
Ich habe mittlerweile die homepage myblog.de/kapital angefangen einzurichten. Auf ihr ist jetzt z.B. das Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. Es sollen weitre Texte, Verweise, Protokolle, Diskusionspunkte,+ allerlei Sonstiges folgen. Das Protokoll für Sonntag hatte ich bereits verfast dann hing sich irgendwas im Rechner auf; scheiße. Es wird daher die Tage folgen. Ich fände es gut wenn die Seite von uns genutzt würde um unsere Absprachen und Diskussionen transparent zu führen und nicht zentralisiert auf mich.
 
Soviel zu den Formalitäten, jetzt noch mal kurz für alle die getroffenen Absprachen. Wir lesen zum nächsten mal die Einleitung der deutschen Ideologie+ Vom Kapital die Vorworte und die ersten Seiten bis S.56 vom MEW (marx-engels-werke Band 23 vom Dietz Verlag) Falls es Probleme geben sollte mit den Texten schreibt mir einfach oder auf der Seite. Wir treffen uns am So 26.nov um 14:30 für voraussichtlich 4 Stunden
20.12.06 00:00


Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie

Dies ist der Text den wir beim Vortreffen gelesen haben.

Er diente dazu darstellen, was Marx Anliegen und Ziele für sein Studium der politischen Ökonomie und ihrer Kritik war.

Es ist nicht geplant ihn erneut zusammen zu diskutieren, eventuell im kleinen Kreise; jedoch könnte er für die früher Gegangenden oder für noch neu Interessierte lehrreich/nützlich sein.

 

Karl Marx

 

Zur Kritik der Politischen Ökonomie

 


Vorwort

 

Quelle: Marx-Engels-Werke, Band 13, Seite 7 bis 11, Dietz Verlag Berlin, 1972.

Erstveröffentlicht Januar 1859 bei Franz Duncker, Berlin.

 

 

Ich betrachte das System der bürgerlichen Ökonomie in dieser Reihenfolge: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit; Staat, auswärtiger Handel, Weltmarkt. Unter den drei ersten Rubriken untersuche ich die ökonomischen Lebensbedingungen der drei großen Klassen, worin die moderne bürgerliche Gesellschaft zerfällt; der Zusammenhang der drei andern Rubriken springt in die Augen. Die erste Abteilung des ersten Buchs, das vom Kapital handelt, besteht aus folgenden Kapiteln: 1. die Ware; 2. das Geld oder die einfache Zirkulation; 3. das Kapital im allgemeinen. Die zwei ersten Kapitel bilden den Inhalt des vorliegenden Heftes. Das Gesamtmaterial liegt vor mir in der Form von Monographien, die in weit auseinanderliegenden Perioden zu eigner Selbstverständigung, nicht für den Druck niedergeschrieben wurden, und deren zusammenhängende Verarbeitung nach dem angegebenen Plan von äußern Umständen abhängen wird.

 

Eine allgemeine Einleitung, die ich hingeworfen hatte, unterdrücke ich, weil mir bei näherem Nachdenken jede Vorwegnahme erst zu beweisender Resultate störend scheint, und der Leser, der mir überhaupt folgen will, sich entschließen muß, von dem einzelnen zum allgemeinen aufzusteigen. Einige Andeutungen über den Gang meiner eignen politisch-ökonomischen Studien mögen dagegen hier am Platz scheinen.

 

Mein Fachstudium war das der Jurisprudenz, die ich jedoch nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieb. Im Jahr 1842/43, als Redakteur der "Rheinischen Zeitung", kam ich zuerst in die Verlegenheit, über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen. Die Verhandlungen des Rheinischen Landtags über Holzdiebstahl und Parzellierung des Grundeigentums, die amtliche Polemik, die Herr von Schaper, damals Oberpräsident der Rheinprovinz, mit der "Rheinischen Zeitung" über die Zustände der Moselbauern eröffnete, Debatten endlich über Freihandel und Schutzzoll, gaben die ersten Anlässe zu meiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen. Andererseits hatte zu jener Zeit, wo der gute Wille "weiterzugehen" Sachkenntnis vielfach aufwog, ein schwach philosophisch gefärbtes Echo des französichen Sozialismus und Kommunismus sich in der "Rheinischen Zeitung" hörbar gemacht. Ich erklärte mich gegen diese Stümperei, gestand aber zugleich in einer Kontroverse mit der "Allgemeinen Augsburger Zeitung" rundheraus, daß meine bisherigen Studien mir nicht erlaubten, irgendein Urteil über den Inhalt der französichen Richtungen selbst zu wagen. Ich ergriff vielmehr begierig die Illusion der Geranten der "Rheinischen Zeitung", die durch schwächere Haltung des Blattes das über es gefällte Todesurteil rückgängig machen zu können glaubten, um mich von der öffentlichen Bühne in die Studierstube zurückzuziehen.

 

Die erste Arbeit, unternommen zur Lösung der Zweifel, die mich bestürmten, war eine kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie, eine Arbeit, wovon die Einleitung in den 1844 in Paris herausgegebenen "Deutsch-Französichen Jahrbüchern" erschien. Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen "bürgerliche Gesellschaft" zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei. Die Erforschung der letztern, die ich in Paris begann, setzte ich fort zu Brüssel, wohin ich infolge eines Ausweisungsbefehls des Herrn Guizot übergewandert war. Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt.

 

Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus den Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.

 

Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.

 

In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinne von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.

 

Friedrich Engels, mit dem ich seit dem Erscheinen seiner genialen Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien (in den "Deutsch-Französichen Jahrbüchern" [Marx-Engels-Werke Band 1, Seite 499 ff, "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie"] einen steten schriftlichen Ideenaustausch unterhielt, war auf anderm Wege (vergleiche seine "Lage der arbeitenden Klasse in England" [Marx-Engels-Werke, Band 2, Seite 225 ff] mit mir zu demselben Resultat gelangt, und als er sich im Frühling 1845 ebenfalls in Brüssel niederließ, beschlossen wir, den Gegensatz unsrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer Kritik der nachhegelschen Philosophie. Das Manuskript ["Die deutsche Ideologie", Marx-Engels-Werke, Band 3, Seite 9 ff], zwei starke Oktavbände, war längst an seinem Verlagsort in Westphalen angelangt, als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck nicht erlaubten. Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung. Von den zerstreuten Arbeiten, worin wir damals nach der einen oder andern Seite hin unsere Ansicht dem Publikum vorlegten, erwähne ich nur das von Engels und mir gemeinschaftlich verfaßte "Manifest der Kommunistischen Partei" und einen von mir veröffentlichten "Discours sur le libre échange" ["Rede über den Freihandel", Marx-Engels-Werke, Band 4, Seite 444 ff]. Die entscheidenden Punkte unsrer Ansicht wurden zuerst wissenschaftlich, wenn auch nur polemisch, angedeutet in meiner 1847 herausgegebenen und gegen Proudhon gerichteten Schrift "Misère de la philosophie etc." ["Das Elend der Philosophie", Marx-Engels-Werke, Band 4, Seite 63 ff]. Eine deutsch geschriebene Abhandlung über die "Lohnarbeit" ["Lohnarbeit und Kapital", Marx-Engels-Werke Band 6, Seite 397 ff], worin ich meine über diesen Gegenstand im Brüsseler Deutschen Arbeiterverein gehaltenen Vorträge zusammenflocht, wurde im Druck unterbrochen durch die Februarrevolution und meine infolge derselben stattfindende gewaltsame Entfernung aus Belgien.

 

Die Herausgabe der "Neuen Rheinischen Zeitung" 1848 und 1849 und die später erfolgten Erkenntnisse unterbrachen meine ökonomischen Studien, die erst im Jahr 1850 in London wieder aufgenommen werden konnten. Das ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den London für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt, endlich das neue Entwicklungsstadium, worin letztere mit der Entdeckung des kalifornischen und australischen Goldes einzutreten schien, bestimmten mich, ganz von vorn wieder anzufangen und mich durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten.

 

Diese Studien führten teils von selbst in scheinbar ganz abliegende Disziplinen, in denen ich kürzer oder länger verweilen mußte. Namentlich aber wurde die mir zu Gebot stehende Zeit geschmälert durch die gebieterische Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit. Meine nun achtjährige Mitarbeit an der ersten englisch-amerikanischen Zeitung, der "New-York Tribune", machte, da ich mit eigentlicher Zeitungskorrespondenz mich nur ausnahmsweise befasse, eine außerordentliche Zersplitterung der Studien nötig. Indes bildeten Artikel über auffallende ökonomische Ereignisse in England und auf dem Kontinent einen so bedeutenden Teil meiner Beiträge, daß ich genötigt ward, mich mit praktischen Details vertraut zu machen, die außerhalb des Bereichs der eigentlichen Wissenschaft der politischen Ökonomie liegen.

 

Diese Skizze über den Gang meiner Studien im Gebiet der politischen Ökonomie soll nur beweisen, daß meine Ansichten, wie man sie immer beurteilen mag und wie wenig sie mit den interessierten Vorurteilen der herrschenden Klassen übereinstimmen, das Ergebnis gewissenhafter und langjähriger Forschung sind. Bei dem Eingang in die Wissenschaft aber, wie bein Eingang in die Hölle, muß die Forderung gestellt werden:

 

Qui si convien lasciare ogni sospetto

Ogni viltà convien che qui sia morta.

 

[Hier mußt Du allen Zweifelmut ertöten,

Hier ziemt sich keine Zagheit fürderhin; aus: Dante: "Göttliche Komödie"]

 

 

London, im Januar 1859

Karl Marx


Liebe Grüsse Jonathan

30.10.06 19:29


Das Kapital


Band I: Der Produktionsprozess


br> Für dieses mal nahmen wir uns vor das Fetisch Kapitel fertig zulesen von S.90 und Kapitel 2 +3 also bis ende des ersten Abschnitts s.160.

Termin: 28.1.07 14:30h
Ort: Wieder in der Mühlgasse, dort wo wir uns die ersten zweimal trafen.
Anfragen an : sozialistische.studienvereinigung@frankfurt.org

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